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Friday, May 14, 2010

Endlich in Montpellier und das "Warum"

Als ich mich vor zwei Tagen aufmachte um nach nach Montpellier zu trampen, hatte ich ein ungutes Gefühl. Die Stelle, die ich zum Trampen fand, war sehr unübersichtlich und die Autos hätten schlecht für mich halten können. Es hielt jedoch kurz ein Lastwagenfahrer um mir zu sagen, wo eine bessere Stelle war und andere Tramper sich immer hinstellten. Dort hin zu kommen war ein kleines Abenteuer, da es knapp nach der Auffahrt war und schon auf der Autobahn. Als ich da war, musste ich nicht lange stehen, vielleicht ein paar Minuten, und schon hielt ein Auto. Die Stadt, die der Fahrer mir nannte, kannte ich nicht, aber ich fragte ihn, ob es auf meinem Weg lag. Es schien so und ich stieg ein. Als wir im Auto noch einmal darüber redeten, stellte sich heraus, dass er in die andere Richtung fuhr. Wir waren jedoch schon ein paar Kilometer gefahren.. Er überlegte und ließ mich dann an einer Stelle raus, wo ich weiter in die richtige Richtung trampen konnte. Als ich bereits ausgestiegen war, fand ich die Stelle aber viel zu gefährlich und wollte die Autobahn verlassen und zurück laufen. Das war allerings sehr schwierig, da diese umzäunt war und ich mit meinem schweren Rucksack kaum klettern konnte. Ich fand dann aber eine kaputte Stelle um durchzukommen und ging den Weg zurück. Das war ein Punkt, an dem ich ziemlich fertig war – ich hatte nur sehr kurze Nächte hinter mir und nun das.. Ich wusste nicht, wo ich war und an welcher Stelle ich gut trampen konnte, meine Nerven lagen blank. Diese Flut an Erlebnissen wurde zu viel für mich. Während ich die Autobahn entlang zurück ging, entdeckte ich die Rhône. Ich hatte mir die Nacht vorher erhofft an die Stelle zu kommen, an der die Autobahn den Fluss kreuzt und wusste nun in etwa wo ich war. Ich entschied mich dafür, eine Pause zu machen und mich an den Fluss zu setzten. Es war bereits 16 Uhr, bis nach Montpellier brauchte ich 4 Stunden und ich wusste nicht, wo ich dort schlafen sollte – deswegen entschied ich mich dazu mir am Fluss eine schöne Stelle zu suchen und dort mein Zelt aufzuschlagen um nicht wieder nachts mir an einem fremden Ort einen Schlafplatz suchen zu müssen. Und auch um mich endlich auszuruhen, was dringend notwendig war. So hatte ich also meine Stelle gefunden, mein Zelt aufgebaut und konnte mir einen schönen, ruhigen Abend machen und sehr lange und halbwegs entspannt schlafen. Während ich über den Tag nachdachte, fiel mir auf, dass das Missverständnis mit dem Fahrer, meine Schuld war. Ich hatte ihm die falsche Autobahn genannt, und zwar genau die, die er nehmen wollte. Ich fragte mich, ob es nicht auch genau so wie es war, gut war und ich mir selbst dadurch ermöglicht hatte, mich etwas auszuruhen. Nach neun Stunden Schlaf – was so unglaublich lange und gut war – war ich mir am Morgen nicht sicher, ob ich wieder trampen konnte, da es wieder stark nach Regen aussah. Mittags hellte es aber kurz auf und ich nutze den Moment aus um alles zusammen zu packen. Das gute Wetter hielt an und ich schätzte, dass ich noch zwei trockene Stunden hatte um weiter zu trampen. Direkt an der Autobahn waren mir die Stellen aber zu gefährlich und ich fand, dass das Schild, das ich hatte, auch zu klein war. Ich suchte und fand direkt einen größeren Karton. Ich entschied mich dazu, an einer kleinen Auffahrt zu stehen – rechnete aber damit dort lange warten zu müssen, da nur wenige Autos vorbei fuhren. Ich schrieb groß A7 drauf, drehte das Schild zu den vorbeifahrenden Autos, wollte es mir gerade gemütlich machen, als es hinter mir hupte. Es hatte schon ein Auto angehalten. Der Fahrer meinte, dass die Stelle, an der ich Stand nicht so gut war, er zwar woanders hinfuhr, mich aber zur nächsten Mautstation (péage) bringen konnte, wo ich bessere Chancen hatte. Ich war total verdutzt vor lauter Nettigkeit! Dort angekommen, stand ich eine Minute bis ein Auto anhielt. Der Fahrer fuhr zu einer Stadt, die etwa auf der Mitte des Weges lag. Ich war mir zwar nicht sicher, ob ich da wieder gut wegkommen würde, stieg aber trotzdem ein. Als er mich dann wiederum zwei Stunden später an einer péage rausließ, sah ich ein Restaurant, ging dort schnell auf die Toilette und dann wieder zurück zur péage. Ich war noch nicht mal angekommen, hatte das Schild noch nicht gezeigt, als direkt ein Auto hielt. Wie sich rausstellte, wollte der Fahrer auch noch genau nach Montpellier. Es passte alles zusammen, als ob ich den Weg genauso geplant hatte. Was für ein glücklicher Zufall ;) Für Montpellier hatte ich eine CouchSurfing-Gelegenheit gefunden, wo ich auch jetzt gerade bin, und finde es unglaublich entspannend hier zu sein. Die Hosts (ein Paar) sind unglaublich (!!) nett und warmherzig, es ist hier auch gerade eine andere Surferin aus Deutschland und es ist schön mal wieder Deutsch zu sprechen. Ich konnte hier auch noch einen weiteren Tag bleiben um dann heute Mittag in aller Ruhe nach Barcelona zu trampen.
Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Nicht mehr als eine Nacht an einem Ort zu bleiben, der Stress, sich in der Fremde einen Schlafplatz suchen zu müssen, in einer immer noch recht fremden Sprache zu sprechen, die neuen Erlebnisse beim Trampen, das Gewicht der Tasche, die ständige Ungewissheit, wo ich morgen bin.. Ich bin all diese Dinge noch nicht gewöhnt und die drei Tage haben mich sehr geschlaucht – vor Allem psychisch. Als ich gestern am Fluss zeltete und schon ein bisschen mehr Ruhe hatte, fiel mir auf, dass ich zwar mit meinem ersten Text in diesem Blog erklärt hatte, wie ich dazu kam, das zu tun, was ich tue, aber ich habe nicht wirklich geschrieben, warum ich es tue. Das habe ich mich gestern dann selbst gefragt: Warum mache ich das eigentlich? Und mir fiel auf, dass ich darauf keine klare Antwort geben konnte. Mir fielen ein paar mögliche Gründe ein, aber irgendwie beantworteten sie nicht wirklich das „Warum“. Vor Allem: Warum mache gerade ich das eigentlich? Ich bin ein ungemein bequemer, oft auch fauler Mensch. Ich mag die Sicherheit und Ruhe. Ich habe lange Zeit keine wirklichen Entscheidungen treffen wollen und bevorzugte es, mich treiben zu lassen. Ich bin recht ängstlich und besonders wenn es um meine körperlichen Fähigkeiten geht, bin ich sehr unsicher. Und doch setzte ich mich solch starken Erlebnissen aus. Als ich mich fragte, warum gerade ich das mache, fiel mir doch eine Antwort ein für das „Warum“ – wenn es auch sicherlich noch weitere gibt. Ich will werden, wer ich wirklich bin, tief in mir drin. Ich will auf die Suche gehen nach meinem wahren Ich und es heraus kramen. Das bequeme Ich, das faule Ich ist ein Ergebnis von äußerlichen Einflüssen, der Gesellschaft. Es ist auch eine Reaktion auf die Gesellschaft. Es ist nicht der Mensch, der ich wirklich bin, unabhängig von dem Äußeren. Und um an mein wahres Ich heran zu kommen, kann ich nicht in meiner gewohnten Umgebung bleiben und gewohnte Dinge tun. Ich muss mich da herausreißen und mich in eine vollkommen neue Welt setzen und vollkommen neue Dinge tun – und das immer wieder, bis ich durch all das Fremde und Neue mich selbst wieder finde. Ich glaube, wie ich schon einmal sagte, dass der Mensch ein ungemein schönes und starkes Wesen ist, aber so wie wir aufwachsen und leben geht fast all die Schönheit verloren. Wir werden schwach und unsicher, wir denken nicht mehr klar, weil wir Angst haben, wir sind unglaublich leicht beeinflussbar und verletzlich. Aber das muss so nicht bleiben, wir können wieder die Schönheit in uns selbst entdecken. Doch wir können das nicht tun, indem wir in der Welt bleiben, die sie uns weggenommen hat.

P.S.: Ein Bild gibt es aus Montpellier auch noch ;)

Friday, May 7, 2010

Paris und "Was wäre wenn.."

Mein erster Tag in Paris neigt sich langsam seinem Ende zu. Und es war ein anstrengender Tag..
Ich bin heute Nacht um etwa 00.30 Uhr mit einer Mitfahrgelegenheit in Paris angekommen – war jedoch erst kurz vor 3.00 Uhr bei der Freundin, bei der ich die Tage in Paris unterkomme. Was habe ich bloß diese ganze Zeit gemacht? Zunächst einmal wollte ich mit der Métro zu ihr fahren. Stellte jedoch fest, dass es in Paris das gleiche System wie in London gibt, nämlich dass mensch nur zum Gleis kommen kann, wenn vorher bereits ein Ticket gekauft und am Durchgangs-Automaten (wie nennen sich diese Dinger?) eingescannt wurde. Ich konnte aber leider keinen Automaten zum Kauf eines Tickets finden und der Schalter war gerade nicht besetzt. Ich rannte hin und her, suchte nach Menschen. Schließlich fand ich eine nette Französin, die mir helfen wollte. Auch sie fand keinen Automaten und spendierte mir deswegen freundlicherweise eine Fahrt mit ihrem Monatsticket. Aber leider war es schon zu spät, die letzte Métro für die Nacht war bereits abgefahren. Ich ging wieder hoch und in die Richtung einer anderen Métro-Station in der Hoffnung, dass dort noch etwas fuhr. Ich fand die Station zwar, kam aber ein paar Minuten zu spät für die letzte Fahrt an.
Auch Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht mehr. Ich musste wohl mit meinem schweren Rucksack nachts in einer fremden Stadt zu Fuß gehen.. (Taxi kam für mich nicht in Frage - ich will es mir ja nun nicht so einfach machen ;). Es war eigentlich eine ganz gute Übung für den Anfang meines allein-und-ungeplant-Reisens. Ich lief zwar manches Mal nicht ganz richtig, einmal fast im Kreis, da ich mich nur mit den sporadisch vorkommenden und nicht so genauen Bushaltestellen-Fahrplänen orientieren konnte, kam aber an meinem Ziel an. Unterwegs fragte ich ab und an nach dem Weg (auf Französisch – es war in den letzten zwei Jahren doch nicht verloren gegangen, nur etwas eingeschlafen :) und kam so ins Gespräch mit einem netten, jungen Mann aus Kanada, der seit einigen Monaten in Paris lebte. Er begleitete mich das letzte Stück, da er in die gleiche Richtung musste, und wir unterhielten uns übers Reisen. Nur der Französisch-Englisch-Misch-Masch war etwas verwirrend, da wir uns nicht recht für eine Sprache entscheiden konnten..
Als ich endlich da war, fiel ich nur noch müde ins – äh – auf die Isomatte. Aber obwohl ich so müde war gingen mir trotzdem die bereits gefundenen Eindrücke aus Paris und die Fahrt noch lange durch den Kopf.

Die Fahrt war sehr interessant – ich hatte diese Vorahnung bereits als ich noch in Karlsruhe auf den Fahrer wartete. Ich fuhr mit zwei Cosmopoliten. Einem scheinbar recht hohen Tier in einer Automobilfirma, der Süd-Tiroler Herkunft war, in Frankreich studiert hatte, in München arbeitete und mit seiner französischen Frau und ihrem gemeinsamen Sohn in der Nähe von Paris wohnte. Und mit einem französischen Dokumentar-Filmer, der schon in jedem Land im Rahmen seiner Arbeit gewesen zu sein schien, und mit seiner deutschen Frau und ihren Kindern in Freiburg wohnte.
Die beiden hatten viel Interessantes zu erzählen, vor Allem der Dokumentar-Filmer hatte schon viel gesehen und erlebt – zum Beispiel war er an Bord mit Sea Shepherds während sie eine Waljagd verhinderten. Aber vor Allem fand ich interessant, dass auch diese beiden doch so sehr in der Gesellschaft und dem Kapitalismus verankerten Menschen, viel, viel Kritik äußerten am System. Bei dem, was sie so sagten, fragte ich mich wie sie trotz dieser Einsichten und Erfahrungen nicht auch zusammenpackten und gingen. Ich weiß natürlich nicht, was die Gründe sind, ich kann mir nur vorstellen, dass sie vielleicht zum Einen immer noch an das Grundsystem glauben und denken, dass es nur verbessert werden müsse, zum Anderen wird es wohl auch die Angst sein – die Angst vor dem Unbekannten, die Angst, die sichere Umgebung zu verlassen und die Angst, dass es keine Alternative gibt. Wenn wir uns nie auf die Suche nach ihr begeben, können wir immer die Hoffnung bewahren, dass es sie doch irgendwo gibt.
Auch ich habe diese Ängste. Ich weiß aber nicht, warum ich dennoch gehe. Vielleicht weil ich jung bin und noch nicht richtig eingespannt wurde in das System.. Vielleicht auch weil es mir so schwer fällt mich an alle dortigen Regeln zu halten – ich beherrsche es nicht mich an Regeln zu halten, die ich nicht für richtig halte. Ich beherrsche es nicht, runter zu schlucken und abzuwarten. Ich meine das keinesfalls negativ gegenüber denen, die es beherrschen. Das ist prinzipiell eine wertfreie Eigenschaft, sie kann negativ, aber auch positiv sein – so könnte sich zum Beispiel erst einmal im System hochgearbeitet werden um es dann von Innen heraus zu verändern und zu verbessern. Oder es könnte Geld gespart werden dadurch und dann damit ausgestiegen und eine Stück Land oder Ähnliches gekauft werden. Ich hatte mir diese Möglichkeiten überlegt, aber es liegt mir einfach nicht.. Also werde ich wohl arm und machtlos bleiben ^^

Was mich etwas erschaudern ließ auf der Fahrt: Die beiden kamen irgendwann darauf, dass es eigentlich das Beste wäre, wenn alle sich ein Stück Land kauften und autark lebten und sie fragten sich, was dann geschehen würde. Dass wohl eine Revolution ausbrechen würde und alles lahm gelegt wäre.
Ich erschauderte, weil ich mir drei Tage zuvor die Frage stellte: Was wäre, wenn alle täten, was sie glücklich machte? Ich hatte bereits angefangen einen Text dazu zu schreiben und mir zu überlegen: Was wäre wenn? Und was hält uns davon ab?
Ich dachte mir ebenfalls, dass wohl eine Revolution ausbrechen würde – aber keine gewalttätige, wütende, sondern eine friedliche Revolution. Eine Revolution des nicht „Nicht-Tuens“, die nur daraus besteht, nicht mehr zu tun, was nicht gewollt wird, nicht mehr unterstützen, was korrupt und zerstörerisch ist, nicht mehr an dem System teilhaben – sondern aussteigen.

Nun mögen wohl einige sich denken, dass Chaos herrschen würde und es doch zu Zerstörung kommen würde. Und das mag vielleicht auch richtig sein – aber das muss nicht negativ sein bzw. bleiben. Das Wichtige wäre danach nicht wieder zu allem Negativen zurückzukehren, sondern aus dem Chaos etwas Neues, möglicherweise nie zuvor da Gewesenes, zu gebären. Eine neue Form des Miteinanders – mit uns selbst, mit anderen Menschen, mit anderen Tieren, Pflanzen, dem Planeten und Allem, was es sonst noch gibt. Natürlich wünsche ich mir selbst aber eine friediche Revolution! Oder eher eine Evoution.
Ich bin davon überzeugt, dass der Moment kommen wird, in dem die meisten, wenn nicht alle Menschen mutig sind, auszusteigen, nicht mehr mitzumachen bei dieser Verrücktheit. Und was jetzt getan werden kann bis es soweit ist, ist dass sich Einige schon auf den neuen Weg machen, um es den Anderen dann später einfacher zu machen. Und dass Erfahrungen und Einsichten festgehalten werden.
Jedes Ende ist auch ein Anfang. Und es kann ein wunderbarer Anfang sein.

(Ich finde es übrigens gerade sehr passend, dass ich in Paris bin, dem Zentrum der französischen Revolution. Ich bleibe gespannt, was noch alles passen wird im Lauf meiner Reise.)

Thursday, May 6, 2010

Warum ich gehe

Wie kam ich an den Punkt, auszusteigen, eine Alternative zu dem mir bekannten Leben zu suchen?

Ich habe nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in Karlsruhe gemacht, in dem ich mich um einen damals sechsjährigen Autisten gekümmert habe. Durch die Begegnung mit diesem Jungen hat ein wichtiger Veränderungsprozess in mir eingesetzt. Dank weiterer Begegnungen seit dem und der Weiten und Möglichkeiten des Internets, die ich auch erst in diesem Jahr zu erkunden begonnen hatte, bin ich jetzt an einem Punkt, den ich mir direkt nach dem Abitur nicht vorgestellt hatte. Damals dachte ich, ich würde etwas in Richtung Psychologie, Erziehungswissenschaften oder etwas in eine künstlerische Richtung Gehendes studieren und danach Entsprechendes im Beruf ausüben. Ich hatte mir natürlich auch gewünscht, darin erfolgreich zu sein.
Als es mit der Bewerbung für ein Psychologie-Studium nicht klappte, habe ich mich für das FSJ entschieden.
Schon nach kurzer Zeit wurde mir bewusst, dass es genau die richtige Entscheidung war und ich genau auf dem Weg war, auf dem ich sein sollte.
Im Lauf des Jahres lernte ich durch die Arbeit mit dem Jungen und anderen Kindern mit körperlichen und geistigen Behinderungen unglaublich viel über mich selbst und meine Fähigkeiten, ich entschied mich nach vier Jahren Vegetarier-Dasein dazu, vegan zu leben, erfuhr von Rohkost und informierte mich dahingehend, und begann auch Gesellschaft, Politik und Sämtliches zu hinterfragen, was vorher „nunmal einfach so war“.
Ich wollte damals schon seit Jahren nach Berlin ziehen um die Möglichkeiten einer Metropole nutzen zu können, und bewarb ich mich für Erziehungswissenschaft an zwei Universitäten dort. Ein Platz in einer WG in Berlin schien ebenfalls in Aussicht bzw. es gab notfalls die Möglichkeit in einer anderen WG erst einmal unter zu kommen.
Als ich dabei war, alles zusammen zu packen und es nur noch zwei Wochen bis zum Umzug waren, bekam ich Absagen sowohl von den Unis als auch von den WGs. Ich hing damals sehr in der Luft, musste aus dem Zimmer ausziehen, in dem ich wohnte, wusste aber weder wohin, noch was ich dort täte. Ich bin heute unheimlich erstaunt darüber, wie ich damals so ruhig bleiben konnte und woher ich die Zuversicht hatte, dass alles gut ausgehen würde. Eine Woche bevor ich ausziehen musste, wurde ein WG-Gesuch von mir positiv beantwortet. Es ging danach alles sehr schnell, ich hatte eine vorübergehende Unterkunft gefunden, verabschiedete mich von Karlsruhe und zog um.
In Berlin wusste ich zwar nicht recht, was ich tun sollte, blieb aber durch die Ersparnisse, die ich hatte, weiterhin sehr ruhig und genoss es erstmal dort zu sein. Nach zwei Wochen rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass ein Brief von einer Uni für mich bei ihr angekommen sei. Sie war aufgeregt, weil sie damit rechnete es sei eine Zusage. Ich war mir jedoch sicher, dass es lediglich der Bescheid war, dass ich auch im Nachrückverfahren nicht durchgekommen war.
Sie öffnete ihn und lass vor, dass sie mir gratulierten, da ich doch nachrücken konnte und angenommen war. Ich musste in dem Moment weinen, da ich glücklich darüber war, „gut genug“ zu sein. Ich war mir jedoch nicht sicher, ob ich tatsächlich immer noch studieren wollte. Ich hatte mir vorher überlegt, zu jobben und es nebenbei mit etwas Kreativem zu probieren, T-Shirt-Design oder Ähnliches.
Nach kurzem Hin- und Herschwanken hatte ich mich doch für das Studium entschieden, weil ich mir dachte, dass ich es immer noch abbrechen konnte, wenn es mir nicht gefiele.
In den ersten Wochen war ich begeistert. Aber es kam dann doch sehr schnell die Ernüchterung. Es wurde mir schnell zu viel, ich kam nicht mehr zu anderen Dingen, die mir wichtig waren und hatte das Gefühl lediglich beschäftigt, abgelenkt zu werden von dem, worauf es mir ankam.
Ich fand die Inhalte interessant, aber kam mir ständig ausgebremst vor. Lieber wollte ich mich selbstständig mit den Themen beschäftigen. Doch das schien durch Regelungen wie Anwesenheitspflicht und durch Wissen zurückhaltendes Lehren unterbunden werden zu sollen. Mir kam es nicht so vor, als ob es tatsächlich um Bildung ginge.
Der Bildungsstreik kam da genau zur richtigen Zeit. Mir wurde dadurch bewusst, dass es so bleiben würde, dass es mit den Semestern nicht besser werden würde, eher schlechter, dass es auch Anderen ähnlich ging. Auch wurde mir bewusst, dass es zum Einen wohl kaum zu tief greifenden Reformen käme, zum Anderen würden selbst die tief greifendsten Reformen nichts bringen, da das gesamte System korrupt ist.
Ich hatte mich zu der Zeit viel mit Verschwörungstheorien beschäftigt. Sicherlich waren da einige an den Haaren Herbeigezogene dabei, aber bei vielem musste ich feststellen, dass es einfach keine „Theorie“ war, sondern Realität. In den meisten Bereichen scheint das Geld, die Wirtschaft mehr Wert zu sein als Menschen, Glück, unsere Mitwelt, wahres Wissen und wahrer Fortschritt.
Ich entschied mich schnell, das Studium abzubrechen. War aber wieder an dem Punkt, an dem ich nicht wusste, wie es weiter gehen sollte. Und wieder überlegte ich mir, etwas Kreatives zu tun. Andererseits entstand da aber auch der Wunsch, reisen zu gehen. Ich wollte Abstand vom Alltag gewinnen, mir inspirierende Orte anschauen, Kommunen besuchen und versuchen eine Idee davon zu bekommen, wie ich mir eine ideale Gemeinschaft vorstellte. Ich hatte jedoch große Unsicherheiten und Ängste davor, die „sichere“ Umgebung aufzugeben und mich in eine ständige Ungewissheit zu begeben. Ich schwankte hin und her, war auch sehr angezogen davon, meine eigene Wohnung zu haben und mich selbstständig zu machen. Hatte mich letztlich auch dazu entschlossen, wenn auch nicht ohne Zweifel. Ich war dabei, mir eine Wohnung zu suchen, mich mit der Bürokratie zu beschäftigen und meine Selbstständigkeit vorzubereiten – bis ich den Film „Into the Wild“ anschaute. In dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Genau das wollte ich. Der Entschluss war gefallen, ich sagte zwei Wohnungs-Besichtigungstermine ab, plante meinen
Auszug und überlegte, was ich erleben und sehen wollte. Spontan sagte ich auch zu, mit Freunden in den Urlaub zu gehen um dies den Anfang meiner Reisen werden zu lassen. Ich sortierte meine Sachen aus, schmiss viel weg, organisierte einen Zimmerflohmarkt auf Spendenbasis und verschenkte alles Übrige. Einige wenige meiner Sachen, die ich noch nicht bereit war weg zu geben, konnte ich erst einmal bei einer befreundeten WG unterstellen.
Der letzte Tag vor der Abreise in den Urlaub war auch gleichzeitig der vorerst letzte Tag „zu Hause“. Wenn ich wieder am Flughafen von Berlin ankommen würde, wäre ich obdachlos.
Der Urlaub ging über London, wo wir drei Tage blieben, nach La Gomera, einer kanarischen Insel.
Es war eine wunderbare Erfahrung und genau der richtige Start für meine Reise.
Auf La Gomera erfuhr ich dann von Beneficio, einer Art Kommune in der Nähe von Granada, in Spanien. In Berlin wieder angekommen, hörte ich in der WG, in der ich ein paar Tage bleiben konnte, erneut von Beneficio. Eine der WG-Bewohnerinnen war bereits dort gewesen und erzählte sehr positiv davon. Ich fand im Internet ein Video mit Bildern von Beneficio und hatte damit meinen Entschluss gefasst, dahin als Nächstes zu Reisen.

Zu dem Zeitpunkt, in dem ich das schreibe, bin ich in Karlsruhe. In wenigen Stunden geht es nach Paris und von dort aus trampe ich dann runter nach Spanien. Ich bin gespannt auf das, was ich erleben werde und möchte meine Erfahrungen gerne teilen, weswegen ich diesen Blog eingerichtet habe.